In die Knie gezwungen

Bürokratie wird Orthopädie-Schuhtechnik und Schuhhaus Genthner zum Verhängnis

SCHILLINGSFÜRST – Die Frage, wie es sich wohl für ihn anfühlen werde, wenn er sein Geschäft endgültig schließt, hätte Friedrich Genthner vor einiger Zeit nur ein Schulterzucken entlockt. Doch jetzt, da der Abschied von seinen Kunden Realität ist, geht es ihm doch schon recht nahe, wie er zugibt.

Seit gestern ist das Schuh- und Orthopädieschuhtechnik-Geschäft geschlossen.

Gestern war das Fachgeschäft für Schuhe und Orthopädie-Schuhtechnik in Schillingsfürst ein letztes Mal geöffnet. Dass es überhaupt schließen musste liegt an der großen Politik mit ihrer Bürokratieversessenheit. Auch wenn Friedrich Genthner mit seinen 69 Jahren durchaus das verdiente Rentenalter erreicht hat. Mit Tochter Christine hätte man eine mehr als qualifizierte Nachfolgerin zur Fortführung des Traditionsbetriebs in der eigenen Familie gehabt.

Seit 2001 ist sie Orthopädieschuhmachermeisterin und arbeitete anschließend auch viele Jahre im elterlichen Betrieb mit. „Sie war immer voll mit dabei“, lobt Friedrich Genthner den Einsatz seiner Tochter. Doch leider reicht Engagement allein nicht aus, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Im Falle der Genthners – und vieler anderer Kleinunternehmen im Bereich der Orthopädieschuhtechnik – war die sogenannte Präqualifizierung der „Todesstoß“, wie es Friedrich Genthner ausdrückt.

Mit dem 2016 beschlossenen Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung wurden strengere Präqualifizierungs-Vorgaben eingeführt, die von der Deutschen Akkreditierungsstelle überprüft werden. Darin inbegriffen etwa die Maßgabe, dass eine Behindertentoilette in den Betrieben vorhanden sein muss. Solange Friedrich Genthner noch das Unternehmen leitet, muss dies nicht umgesetzt werden. Sollte jedoch seine Tochter den Betrieb übernehmen, wäre ein Umbau zwingend notwendig. „Die Räumlichkeiten dafür haben wir hier aber nicht“, betont Friedrich Genthner. Im Laufe der Jahre sind viele weitere Auflagen und Dokumentationsaufgaben für diese Firmen im Medizinbereich hinzugekommen. „Die Bürokratie macht uns Kleinbetriebe kaputt“, klagt Friedrich Genthner an. Er ist sich zwar sicher, dass es den Beruf auch in Zukunft geben wird. Allerdings geht er davon aus, dass größere Firmen mit Filialen die Versorgung in den Flächen abdecken werden und die kleinen Betriebe zusehends verschwinden.

Irmgard und Friedrich Genthner sagen Ade zu ihren treuen Kunden. Fotos: Scheuenstuhl

Während seiner 46 Jahre als Orthopädieschuhmacher hat er natürlich auch miterlebt, wie die Digitaltechnik in dem Handwerksberuf Einzug gehalten hat. Er selbst bildet sich darüber keine Meinung, sondern plädiert dafür, dass jeder seinem „eigenen Stil“ folgt. Letztlich seien es die Kunden, die darüber entscheiden, ob das Produkt gut ist oder schlecht. Und an Kundschaft gab es trotz der ländlichen Lage beim Schuhhaus Genthner nie einen Mangel.

Vor allem über Mundpropaganda, so Friedrich Genthner, habe sich herumgesprochen, dass es in der Schloss-Stadt dieses Fachgeschäft gibt. „Wir haben einen großen Kundenstamm“, sagt der gebürtige Schillingsfürster. Viele  vertrauen seit Jahren auf die Fähigkeiten von Friedrich Genthner. So mancher nimmt dafür auch gerne mal eine Anfahrt von rund 50 Kilometer in Kauf.

Und sie alle bedauern, dass es ihre erste und verlässliche Anlaufstelle für Orthopädieschuhtechnik nun nicht mehr geben wird. Um noch lange etwas von der Genthnerschen Handwerksqualität zu haben, wollten sich kurz vor Schluss einige noch mit ausreichend Produkten eindecken. Und so bekam Friedrich Genthner – sobald die Nachricht von der Geschäftsaufgabe die Runde machte – anstatt der durchschnittlich 20 bis 25 Rezepte für Einlegesohlen pro Woche auf einmal 75 solcher Aufträge.

Einige Kunden verabschiedeten in den vergangenen Tagen „ihren“ Schuhmachermeister durchaus mal mit einem Blumenstrauß oder einer Flasche Wein. Friedrich Genthner hat immer versucht, „das ganze Spektrum“ da zu haben. Er achtete sehr darauf, dass die von ihm ausgewählten Qualitätsschuhe die verschiedenen Preisstufen abdecken. Was den medizintechnischen Bereich betrifft,  machen die Einlagen den größten Teil aus. Es ist sinnvoll, so Friedrich Genthners Überzeugung, „Schuhe und Einlagen aus einer Hand“ anzubieten. Individuell angefertigte orthopädische Schuhe waren in den letzten Jahren allerdings nur noch am Rande gefragt.

Die größte Freude und die größte Bestätigung bereiteten dem 69-Jährigen wenn Kunden wiedergekommen sind. Er geht bis heute vollkommen in der Orthopädieschuhmacherei auf und kann heute nach 46 Jahren ohne Zweifel sagen: „Dieser Beruf ist richtig für mich.“ Obwohl er als Kind viel lieber Schlotfeger werden wollte, weil ein junger Mann, zu dem er damals aufschaute eben diesen Beruf ausgeübt hat.

In die Fußstapfen des Vaters getreten

Letztlich trat er dann doch in die Fußstapfen seines Vaters. Dieser eröffnete 1949 einen Reparaturbetrieb für Schuhe in dem Nachbarhaus des heutigen Geschäftes. An dessen Stelle stand bis 1961 sein Elternhaus. 1963 kam zur Reparatur von Schuhen auch der Verkauf hinzu. Sohn Friedrich Genthner brachte 1973 dann die Orthopädie mit ins Geschäft. Dies war der Wunsch seines Vaters, der selbst an Kinderlähmung litt und dadurch auf orthopädisches Schuhwerk angewiesen war.

Nicht nur sein Vater brachte ihm wertvolles Wissen über seinen Beruf bei. Friedrich Genthner absolvierte auch von 1966 bis 1970 eine Ausbildung beim Schuhhaus Lehr in Heilsbronn. Nachdem er seinen Dienst bei der Bundeswehr abgeleistet hatte, ging er zum Orthopädie-Schuhtechnik-Betrieb Ignor nach Erlangen. 1972 legte Friedrich Genthner seine Meisterprüfung ab.

Individuell angepasst: Rohlinge für Schuh-Leisten.

Sein damaliger Meister meinte zu ihm, dass er seine „Qualitäten herschenken“ würde, wenn er im beschaulichen Schillingsfürst seinen beruflichen Weg fortsetzen werde. Er bot ihm sogar an, eine seiner Filialen in Deggendorf übernehmen zu können. Doch für Friedrich Genthner stand fest, dass er in seine Heimat und in den Familienbetrieb zurückkehren werde. „Ich bin froh, dass ich in Schillingsfürst geblieben bin“, sagt der 69-Jährige.

Neben seiner Tochter war ihm auch seine Frau Irmgard eine große Stütze. Abgesehen vom Verkauf übernahm sie auch die Buchführung. „Sie hat mir den Rücken freigehalten. Ich konnte mich voll auf sie verlassen“, betont er. In den vergangenen Wochen wurde der Großteil der noch gelagerten Waren abverkauft.

Die Zeit des Kundenkontakts ist nun endgültig vorbei. Bis alles abgewickelt sein wird, werden wohl einige Monate vergehen, schätzt Friedrich Genthner. Wie die Geschäftsräume in Zukunft genutzt werden, ist noch vollkommen ungewiss. mes

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